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Naturanstrich-Kompass
Naturfarben und Anstrich4. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Naturfarben Fassade: Kalk, Silikat, Lehm und Öl im Vergleich

Kurzfazit

Kalk und Silikat passen auf mineralischen Putz, Dünnschichtlasur und Öl auf Holz, Lehm eher nach innen. Alle vier schützen und färben, gedämmt wird die Wand dadurch nicht. Entscheidend ist der Untergrund, nicht das Öko-Image.

Wer eine Hauswand neu streichen will und dabei nicht zur Standard-Dispersionsfarbe greifen möchte, landet schnell bei den Naturfarben. Beim Thema Naturfarben Fassade stehen im Kern vier Systeme zur Wahl: Kalk, Silikat, Lehm und Öl beziehungsweise Lasur. Sie unterscheiden sich weniger in ihrem „Öko-Image“ als in dem, was sie technisch können: Der Untergrund entscheidet, ob ein System hält oder nach zwei Wintern abplatzt.

Dieser Beitrag ordnet die vier Systeme nach Untergrund, Witterungsbeständigkeit und Grenzen ein. Am Ende steht eine Frage, die in Farbfächern selten vorkommt: Ab wann ist ein Anstrich nicht mehr die richtige Maßnahme, weil die Wand eigentlich gedämmt werden müsste?

Naturfarben Fassade: Was der Begriff sagt und was nicht

„Naturfarbe“ ist für sich genommen eine Werbe- und Selbstbeschreibung, keine Gütezusage. Aussagekräftig sind Bindemittel, Zusätze und das Sicherheitsdatenblatt des jeweiligen Produkts. Ein mineralisches Bindemittel wie Kalk oder Wasserglas macht eine Farbe nicht automatisch harmlos, und eine Ölfarbe nicht automatisch witterungsfest.

Für die Außenfassade kommt ein zweites Kriterium hinzu: Wasser muss ablaufen und Wasserdampf muss hinaus können. Genau hier trennen sich die Systeme, wie der folgende Vergleich zeigt.

Die vier Anstrichsysteme im Vergleich

Die Tabelle fasst zusammen, was Nachschlagewerke und Fachliteratur zu den Systemen übereinstimmend festhalten. Sie ersetzt kein Produktdatenblatt: Konkrete Haltbarkeiten hängen vom Hersteller, vom Wetter an der Fassade und von der Verarbeitung ab, und genau dazu lassen sich keine seriösen Pauschalzahlen nennen.

SystemBindungGeeigneter UntergrundStärkeHauptgrenze
KalkfarbeCarbonatisierung (Kalk nimmt CO2 aus der Luft auf)Kalk- und Kalkzementputz, Ziegel, Natursteinstark alkalisch (pH über 12), diffusionsoffen, schützt grobe Putze vor Wassereintrittmehrere dünne Anstriche nötig, nicht auf Dispersionsfarbe und Gips ohne Vorbehandlung, nicht bei Frost verarbeiten
SilikatfarbeVerkieselung mit mineralischem Untergrund (Kaliwasserglas)mineralische Putze, Beton, Stein; als Dispersions- oder Sol-Silikat auch auf anderen Untergründensehr witterungsbeständig, diffusionsoffenreine Zweikomponenten-Systeme verlangen Erfahrung; bei Dispersions-Silikat gehört ein begrenzter organischer Anteil dazu
Lehmputz und LehmfarbeTrocknung und Tonmineralienvor allem innengut für das Raumklimawasserlöslich, außen nur geschützt oder in trockenen Lagen
Holzöl und LasurEindringen in das Holz, bei Leinöl PolymerisationHolzfassaden, Holzbauteileoffenporig, diffusionsoffennicht für Putz; regelmäßiges Nachstreichen

Quellen für die Einordnung: Zu Kalkfarbe, Silikatfarbe (einschließlich des Hinweises auf die Begrenzung organischer Anteile nach DIN 18363), Lehmputz und Holzlasur habe ich Nachschlagewerke herangezogen. Das sind Sekundärquellen. Ich habe die Normen DIN 18363 und DIN 18947 selbst nicht eingesehen. Wer eine Ausschreibung schreibt, prüft den Wortlaut der Norm und das Produktdatenblatt.

Kalk und Silikat auf Putz, Lasur auf Holz, Lehm eher innen

Auf einer mineralischen Putzfassade sind Kalk und Silikat die naheliegenden Systeme. Kalkfarbe passt zu Kalk- und Kalkzementputz, bindet aber nur dort richtig, wo der Untergrund saugfähig und mineralisch ist. Wer eine alte Dispersionsschicht auf der Wand hat, muss sie entweder entfernen oder ein System wählen, das dafür vorgesehen ist.

Silikatfarbe ist der flexiblere Verwandte. Die Hersteller bieten Dispersions- und Sol-Silikat-Varianten an, die auch auf tragfähigen, nicht mineralischen Altanstrichen haften sollen; ob das im Einzelfall klappt, klärt eine Probefläche, nicht das Etikett.

Holzfassade: Dünnschicht, Dickschicht, Öl

Bei Holz gilt die umgekehrte Logik. Dünnschichtlasuren dringen in das Holz ein, bleiben offenporig und verwittern kontrolliert, müssen dafür aber regelmäßig erneuert werden. Dickschichtlasuren bilden einen Film, der unter Witterung zum Abblättern neigt und dann aufwendig entfernt werden muss. Öle auf Leinölbasis sind eine ökologisch beliebte Variante und brauchen ebenfalls Pflege.

Ein Sicherheitshinweis, der in Anleitungen oft fehlt: Mit Leinöl getränkte Lappen und Pinsel können sich selbst entzünden, weil das Trocknen Wärme freisetzt. Sie gehören flach ausgebreitet getrocknet oder unter Wasser gelagert, nicht zusammengeknüllt in den Eimer.

Lehm: außen die Ausnahme

Lehmputz ist wasserlöslich und deshalb an bewitterten Fassadenseiten und im Sockelbereich nicht ohne Schutz einsetzbar. In regenreichen Regionen ist der Außeneinsatz eingeschränkt. Für Lehmputzmörtel existiert mit der DIN 18947 eine eigene Norm, für den Außenbereich sollte man sich aber an erfahrene Lehmbauer wenden statt an den Baumarkt.

Algen, Pilze und der Biozid-Haken

Grüne Beläge auf der Nordseite sind der häufigste Grund für einen neuen Fassadenanstrich. Konventionelle Fassadenfarben enthalten dagegen oft Filmschutzmittel, also Biozide. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass diese Stoffe mit dem Regen ausgewaschen werden und in Boden und Gewässer gelangen können; kein Produkt verhindere das vollständig.

Das Amt empfiehlt in seinen Entscheidungshilfen zur Verringerung des Biozideinsatzes an Fassaden unter anderem konstruktive Maßnahmen wie breite Dachüberstände sowie biozidfreie oder biozidarme Systeme schon in der Planung. Das ist ein Argument für mineralische Farben, aber kein Freibrief: Eine Fassade, die dauerhaft feucht bleibt, wird auch mit Kalk oder Silikat irgendwann grün. Ursache klären, dann streichen.

Wo Farbe aufhört und Dämmung beginnt

Alle vier Systeme schützen und färben. Dämmstoffe sind sie nicht, und sie verändern den Wärmeverlust der Wand nicht in einem Maß, das sich als Maßnahme verbuchen ließe. Das ist keine Schwäche der Naturfarben, sondern eine Frage der Aufgabe.

Rechtlich ist die Trennlinie ebenfalls klar gezogen. Das Gesetz zur Einsparung von Energie und zur Modernisierung der Wärmeversorgung in Gebäuden (Gebäudemodernisierungsgesetz, GModG, früher Gebäudeenergiegesetz) verlangt nach § 36 bei Änderungen an Außenbauteilen die Einhaltung der Höchstwerte der Anlage 7. Für Außenwände nennt die Anlage 7 unter anderem das Anbringen von Bekleidungen, Verschalungen, Vorsatzschalen oder Dämmschichten sowie die Erneuerung des Außenputzes; dann gilt für Wohngebäude ein Höchstwert von 0,24 W/(m²·K). Ein reiner Anstrich ist dort nicht als auslösende Maßnahme aufgeführt.

Ausnahmen gibt es ebenfalls: Betrifft die Änderung nicht mehr als 10 Prozent der jeweiligen Bauteilgruppe des Gebäudes, greift die Pflicht nicht, und bei Außenwänden, die nach dem 31. Dezember 1983 unter Einhaltung energiesparrechtlicher Vorschriften errichtet oder erneuert wurden, müssen die Anforderungen der Nummer 1b nicht eingehalten werden. Ob Ihr Fall darunter fällt, klärt ein Energieberater; für Eigentümer kleiner Wohngebäude (höchstens zwei Wohnungen) sieht § 36 unter bestimmten Voraussetzungen ein Beratungsgespräch vor, soweit es unentgeltlich angeboten wird.

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Wer die Fassade ohnehin streichen muss und die Frage der Dämmung nicht ausklammern will, findet bei PSCoat eine Dämmbeschichtung, die laut Hersteller dünn aufgetragen wird: gerollt oder gespritzt, statt gedübelt. Laut Herstellerangabe wirkt sie über die Strahlungsbilanz der Oberfläche und nicht über Materialdicke, und als Untergründe nennt der Hersteller unter anderem tragfähigen Altputz und bereits gestrichene Flächen. Das sind Herstellerangaben; unabhängig geprüfte Messwerte liegen nicht vor, und Verbraucherschützer sehen dünne Beschichtungen kritisch (Einordnung im Beitrag Dämmfarbe und Dämmbeschichtung). Die Produktinformationen des Herstellers zu PSCoat stehen online.

Entscheidungshilfe nach Untergrund

  • Intakter mineralischer Putz, Anstrich verwittert: Kalk oder Silikat, Probefläche anlegen, Untergrund auf Tragfähigkeit prüfen.
  • Putz mit alter Dispersionsschicht: Silikat in einer dafür vorgesehenen Variante oder die Schicht fachgerecht entfernen; reine Kalkfarbe nur nach Vorbehandlung.
  • Holzfassade: Dünnschichtlasur oder Öl; Pflegeintervall einplanen, auch für Wetterseiten.
  • Putz muss erneuert werden: Dann ist die Dämmfrage rechtlich und wirtschaftlich offen. Mehr dazu im Beitrag Fassade streichen: Kosten und Dämmung.
  • Lehm: für geschützte, trockene Bereiche und innen, außen nur nach fachkundiger Beratung.

Häufige Fragen

Kann ich Kalkfarbe auf eine Dispersionsfarbe streichen?

Nach der Fachliteratur eignet sich Kalkfarbe für mineralische Untergründe; auf Dispersionsschichten und Gips braucht es eine Vorbehandlung, und oft ist der Aufbau trotzdem unsicher. Eine Probefläche an unauffälliger Stelle und die Herstellerangabe sind hier verlässlicher als jede Faustregel.

Wie oft muss eine Holzlasur erneuert werden?

Dünnschichtlasuren verwittern kontrolliert und müssen regelmäßig nachgestrichen werden; ein verbindliches Intervall gibt es nicht, es hängt von Himmelsrichtung, Dachüberstand und Produkt ab. Wetterseiten brauchen meist früher Pflege als geschützte Flächen.

Sind Naturfarben automatisch ungefährlich?

Nein. Kalk ist stark alkalisch und verlangt Augen- und Hautschutz bei der Verarbeitung, und Leinöl-Lappen können sich selbst entzünden. Das Sicherheitsdatenblatt des Produkts ist die verbindliche Information.

Ersetzt ein Naturanstrich die Wärmedämmung?

Nein. Ein Anstrich schützt die Fassade, ist aber kein Dämmstoff. Wer den U-Wert der Wand verbessern will, braucht eine Dämmmaßnahme, deren Wirkung nachgewiesen ist.

Quellen und weiterführende Links